Ein Tag im Leben einer jüdischen Weltverschwörerin

Eine Erfahrung habe ich im interreligiösen Dialog immer wieder gemacht – vor allem als ich mehr und mehr begonnen habe, mich mit trilateralem Dialog zu beschäftigen und bei Café Abraham Wien aktiv geworden bin. Es gibt ein Gespenst, das umgeht, eine Warnung, die der eine zum andern gegen den Dritten ausspricht: „Diese Person steht mit den Muslimbrüdern in Verbindung.“

Ich möchte hier nicht zu sehr ins Detail gehen, wer die Muslimbrüder sind, was ihre Geschichte ist, und was jetzt an welchem Vorwurf dran ist oder nicht. Dafür bin ich keine Expertin. Aber was ich sehr wohl wahrnehme, ist, dass „in Verbindung stehen“ ein ausgesprochen schwammiger Vorwurf ist. Ich habe dieses System der Verdächtigung auch in meiner eigenen Community erlebt: A setzt einen Link zu B auf seine Website. B propagiert aber, neben etlichen weitgehend anerkannten Dingen, auch die schreckliche Idee C. Also steht A mit C in Verbindung. Skandal!

Mich irritiert besonders, wenn ich einen guten Kontakt mit Leuten pflege, sie normal religiös und sonst sehr weltoffen finde, und auf einmal höre: „Die stehen mit den Muslimbrüdern in Verbindung!“ Was genau soll das heißen, frage ich mich? Dass Noura*[1] am Wochenende mal eben schnell nach Saudi-Arabien oder die Türkei skypt, mit irgendeinem bärtigen Oberboss, der ihr Anweisungen gibt, wie sie sich in Österreich verhalten soll? Dass Gülseren* sich nur deswegen so für meine Einstellung zum Judentum interessiert und sich mit mir auf feministische Art über die Welt auskotzt, weil sie eigentlich… äh, ja, was genau? Was bringt das den Muslimbrüdern, wenn sie mehr über meine Religion und Feminismus wissen? Oder heißt mit den Muslimbrüdern in Verbindung stehen vielleicht, dass die liebenswürdige Hengameh* beim nächsten Scriptural-Reasoning-Treffen mit einem Sturmgewehr aufkreuzen wird?

Dass religiöse Leute gerne religiöse Strukturen für sich haben möchten, ist auch nichts Neues. Aber lassen wir das. Wie gesagt kann ich bloß mit meinem Hausverstand sagen, dass der Vorwurf des „Mit-den-Muslimbrüdern-in-Verbindung-Stehens“ mehr als nur unscharf ist und gleichzeitig davon in reichlichem Maß Gebrauch gemacht wird.

Was ich allerdings sozusagen als Expertin beurteilen kann, sind vergleichbare Verschwörungstheorien über das, was wir Jüd_innen so alles anstellen. Wenn ich die Berichte des Forums gegen Antisemitismus lese oder selber meine Erfahrungen mit antisemitischen Leuten und Posts im Internet mache, muss ich fast lachen über das, was uns zugetraut wird. Das wäre mein Tagesablauf, wenn ich nur einiges wirklich machen würde, von dem Leute glauben, dass „die Juden“ es machen:

  1. Aufstehen und den Tag mit einem erfrischenden Schluck Kinderblut beginnen. Nichts ist besser für das Immunsystem.[2]
  2. E-Mails lesen. Ich sehe eine Warnung vom Weltweiten Jüdischen Netzwerk (WWJW), in dem ich Mitglied bin, seit ich auf der Welt bin. Wir sollen heute keine Flugreisen unternehmen, weil eine geheime Untergruppe des WWJW ein Flugzeug entführen und damit ein Attentat begehen wird, das sie dann dem Weltweiten Muslimischen Netzwerk (WWMW) in die Schuhe schieben wird.[3] Na gut, heute kann ich P!NK nicht besuchen fliegen. Ja, ich kenne P!NK persönlich! Wir Jüd_innen kennen uns alle untereinander. Wir haben auch alle Bücher von- und übereinander gelesen.
  3. Noch bevor ich mich anziehe gönne ich mir etwas Spaß und lade mein kleines ferngesteuertes Flugzeug mit bewusstseinsveränderten Chemikalien voll. Dann lasse ich über der Wiener Innenstadt ein paar Chemtrails ab. Dabei muss ich aufpassen, dass ich den Basti nicht erwische, sonst schweigt er wieder so lang. Das war das letzte Mal etwas blöd, als ein rechter Minister eine Razzia im Verfassungsschutz angeordnet und dabei alle Unterlagen über seine rechte Partei hat mitgehen lassen und ich ausgerechnet an dem Tag entdeckt habe, wie Basti auf meine Chemtrails reagiert.
  4. Schreibe ein Wenig an meinem geheimen Bildungsprogramm, mit dem ich alle Kinder Österreichs infiltrieren will, damit sie…äh. Ich glaube, da geht mir die Fantasie aus.[4] Damit sie immer freundlich zu jüdischen Leuten sind? Na egal. Bin jedenfalls gut ins Bildungsministerium vernetzt. Genauso wie in alle anderen Ministerien. Ich weiß, ihr fragt euch, wie das gehen soll, wo wir grade eine Partei an der Macht haben, die einen antisemitischen „Einzelfall“ nach dem anderen raushaut… aber wir haben da so unsere Möglichkeiten;-)
  5. Am Abend Treffen unserer Freimaurerloge. Trinke einen Cocktail mit George Soros und Tal Silberstein.[5] Wir sind alle drei jüdisch, also verstehen wir uns prächtig und sind immer einer Meinung. George lässt mir schnell eine Million rüberwachsen, er hat’s ja. Wenn es überhaupt irgendwo arme Jüd_innen gäbe, würde ich das Geld weiterverteilen, aber so wie die Dinge stehen ist das eigentlich nicht nötig.

Ich glaube, ich könnte noch stundenlang weitermachen, aber ich finds schon selber creepy. Damit das nicht am Ende noch wer ernst nimmt, hier ist tatsächlich ein typischer Tag in meinem Leben:

  1. Um fünf aufwachen und nicht mehr einschlafen können, weil ich an alles denke, was ich heute tun will.
  2. Um knapp nach sechs beschließen, dass es keinen Sinn hat, noch länger liegenzubleiben. Frühstück essen: Haferflocken mit Skyr, Chiasamen und Beeren, dazu Kurkumamilch. Bobo-Fitspo-Zeug eben. Essen ist so gut, dass ich spontan Gott danke und mich unzulänglich fühle, dass ich nicht das ganze Birkat haMazon beten kann. Ernsthaft, Leute, ein 15 Minuten langes Gebet nach jeder Mahlzeit!?
  3. Um viertel acht werde ich neidisch, weil mein Freund noch immer selig schläft, während mein FitBit anzeigt, dass ich nur sechs Stunden geschlafen habe. Überlege, ob ich ihn unsanft wecken soll. Er würde sagen, das ist die tschechische Art: Wenn ich etwas nicht habe, soll mein Nachbar es auch nicht haben!
  4. Gehe trotz Schlafmangel ins Fitnesscenter, auch wenn ich weiß, dass ich heute keine Rekorde aufstellen werde.
  5. Duschen, einkaufen, nach Hause gehen, Jobangebote suchen, Bewerbungen schreiben, anfallende Dinge erledigen. Ein missglücktes Seitan-Curry runterwürgen und mich an dem Gedanken festhalten, dass da 38 Gramm Protein drin sind. Kann eine Normalsterbliche mit Seitanbasis eigentlich irgendwas machen, was nicht missglückt?
  6. In Psychoanalyse gehen. Mein Fixpunkt am Tag, wo ich mit Garantie weinen werde.
  7. Wieder zuhause Tee mit meinem Freund trinken. Ich sage ihm, dass er mein „Goyfriend“ ist. Er meint, ich soll doch die Zeitung „Playgoy“ herausgeben. Ich schlage vor, sie „Playgoy. Magazin für interreligiöse Beziehungen“ zu nennen. Wir brechen nieder vor Lachen, während wir das Cover der ersten Ausgabe überlegen.
  8. Für Schmonzelach Un Tinef arbeiten: Belege für den nächsten Verkauf vorbereiten, eine potenzielle Kundin anrufen, Fragen an die Steuerberaterin niederschreiben, ein paar Probleme mit der Website richten…
  9. Abendessen kochen.
  10. Eventuell eine Freundin treffen.

Massiv unspektakulär, oder? Ich verstehe schon, dass sich Leute da lieber kreative Theorien ausdenken, was „das Weltjudentum“ gerade macht oder was „die Ostküste“ als nächstes vorhat. Verdammt, ich fühle mich sogar angesprochen bei „Ostküste“ – unsere Wohnung ist östlich vom Donaukanal. Aber tatsächlich sind Jüd_innen ganz normale Menschen. Und Muslim_innen sind es auch.

 

 

[1] Alle Namen im Text sind geändert.

[2] Wohl einer der ältesten christlichen Vorwürfe, aber ich habe vor Kurzem erst von einem ungarischen Volksschulkind erfahren, das zu einem Kidduschkelch gefragt hast: „Trinkt ihr da das Kinderblut draus?“. Lustig, wenn man bedenkt, dass in der Eucharistie Wein zu Blut verwandelt werden soll, wir aber überhaupt kein solches Ritual haben. Blut ist treife, people!

[3] Erst letzten Freitag hat mir eine Bekannte erzählt, dass in ihrer christlich-sozialen Familie die Leute beisammensitzen und auf einmal allgemeine Zustimmung ausbricht, wenn jemand sagt: „Schon arg, dass am 9.11. kein einziger Jude auf der Welt in einem Flugzeug gesessen ist!“. Krasskrasskrass.

[4] https://www.facebook.com/antisemitismus/photos/a.10154227164479323/10156355842719323/?type=3&theater

[5] https://www.facebook.com/antisemitismus/photos/rpp.57380059322/10155652503484323/?type=3&theater

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