Wien, mein Stetele Wien – Teil I: Davnen

Schon lange habe ich darüber nachgedacht, quasi eine Erweiterung des Beitrags über unser jüdisches Zuhause zu schreiben: mein jüdisches Wien. „Mein“ nicht deshalb, weil ich da irgendwelche Exklusivrechte hätte, sondern weil das „jüdische Wien“ für jede_n etwas anderes ist und jeder_m andere Plätze wichtig sind. Jetzt wo das Wetter wieder schöner wird, werde ich euch mitnehmen an Orte, die meine jüdische Identität geprägt haben, die spannend oder auch ganz banal sein können, und euch ein paar Geschichten dazu erzählen.

Donaukanal in der Morgenröte
Ich weiß nicht mehr genau, in welchem Gebäude beim Donaukanal sich Or Chadasch ganz früher getroffen hat. Deswegen symbolisch ein auf einem Morgenspaziergang aufgenommenes Bild beim Weg von der Matzesinsel aufs Festland.

Den Anfang mache ich mit drei Plätzen in Wien, die etwas gemeinsam haben: Sie haben die einzige liberal-jüdische Gemeinde Österreichs beheimatet (oder tun es noch). Or Chadasch ist nur ein Jahr älter als ich, und meine Geschichte mit dieser Gemeinde hat begonnen, als ich zwei Jahre alt war. Wie es bei einer kleinen, neuen Gemeinde häufig ist, trafen sich die ersten Mitglieder bei sich zuhause. An diese Zeit kann ich mich nicht erinnern. Meine früheste Erinnerung an einen liberal-jüdischen Gottesdienst ist ein Haus beim Donaukanal mit bärtigen Stuckmännern am Eingangsportal. Eine Freundin und ich flitzten zwischen Beinen und Sesseln herum und amüsierten uns köstlich, weil die Kantorin beim Singen den Kopf in alle Richtungen reckte wie der Bundesadler auf der Fahne. Ihr faltiger Hals, dem einer Schildkröte ähnelnd, fesselte unsere Aufmerksamkeit. Es tut weh, daran zu denken, wie komisch wir Kinder sie gefunden haben: Die wunderbare Hanna Lion, Sängerin, Pianistin, ist vor ein paar Jahren gestorben und mit ihr ein Stück der alten Seele von Or Chadasch.

Hauseingang Ecke Haidgasse
Der Ort am Karmelitermarkt. Heute ist dort eine Musikschule untergebracht.

Die nächsten Jahre verbrachte die liberale Gemeinde in einem Gebäude am Karmelitermarkt, ganz in der Nähe meines heutigen Wohnorts. An diese Zeit kann ich mich noch gut erinnern. Meine Mutter und ich gingen so gut wie jeden Freitagabend in die Synagoge. Wir hatten einen wunderschönen Aron haKodesch, märchenhaft bemalt mit einer Mauer aus goldenen Steinen. Als die Gemeinde 2004 in die Robertgasse übersiedelte, wurde er an eine arme osteuropäische Gemeinde gespendet, glaube ich. Ich kann mich dunkel erinnern, dass er damals vielleicht von dem herzensguten Ehepaar Huber transportiert wurde. Die beiden brachten oft selbst Hilfsgüter für Kinder und Familien in von Armut betroffene Regionen Europas, und ließen dabei auch ihr Leben – sie starben bei einem Autounfall.

Viel mehr kann ich nicht erzählen als das, was für mich als Kind damals relevant war: Die verwinkelten Gänge des Bethauses, der Geruch nach Challe und Aufstrich, der Hall der Stimmen, die sich von unserer kleinen Kehille in Wien bis hinauf zu unserem Schöpfer emporschwangen. Es gab wenige Kinder in der Gemeinde, ich war oft das einzige. Im Nachhinein kann ich sagen, dass mir das gefehlt hat. Eine Synagoge hat im Wesentlichen drei Funktionen: Haus des Gebets, Haus des Lehrens und Lernens, und Haus der Versammlung. Versammlung bedeutet auch: es menschelt. Freundschaften, Feindschaften, Anziehung, Abneigung, all das ist Teil der Gemeinschaft, und ich wünschte, ich hätte all diese wichtigen Dinge mit mehr Gleichaltrigen durchleben können.

Synagogeneingang
Der neue liberale Schil in der Robertgasse. Auch diese Synagoge ist in unmittelbarer Nähe zum Donaukanal, was insbesondere schön ist zum Taschlich machen oder für die Mittagspause an Jom Kippur.

Heute gibt es bei Or Chadasch eine große, starke Gruppe von 18- bis 35-jährigen, die zusammen den Verein TaMaR Austria bilden. Der Vereinssitz ist die neue Synagoge, in die die Gemeinde vor fünfzehn Jahren gezogen ist. Fünfzehn Jahre! Meine Güte. Ich habe alles miterlebt, die Aufregung, die Fotos von der unverputzten, wüsten Baustelle, die unser neues religiöses Zuhause werden sollte. Mein Bat Mizvah hatte ich schon auf der neuen Bimah, vor dem schönen modernen Aron haKodesch, unter dem unsäglich hässlichen Ner Tamid. An den Torahrollen hat sich wenigstens nichts geändert. Meine Lieblingsrolle war immer schon die mittelgroße, weil sie einen wunderschönen dunkellilafarbenen Samtumhang mit in allen Regenbogenfarben funkelnden Steinen hat. Sie sieht irgendwie magisch aus damit.

Die erste Zeit im neuen Schil war auch eine intensive religiöse Zeit für mich. Bis Dinge passiert sind, die meine Welt auf den Kopf gestellt haben, und die mich für einige Jahre aus meiner Heimat, der Synagoge, vertrieben haben.

Ich im Stadttempel, ein Dirndl tragend
Das Bild hat meine Freundin Judith Strauss für ein Fotoprojekt aufgenommen, mit freundlicher Erlaubnis der IKG. Ich trage ein Dirndl, das ihrer Tante gehört hat.

Obwohl ich es eine Zeit lang nicht über mich gebracht habe, in die Synagoge zu gehen, hat meine Sehnsucht nach einer jüdischen Gemeinde nie aufgehört. Durch glückliche Umstände gewann ich mehr und mehr Freund_innen im Umfeld der Kultusgemeinde. Irgendwann war die Sehnsucht nach dem Gottesdienst zu groß, und ich ging in den Stadttempel. Es war am Anfang überhaupt nicht einfach, sich zurechtzufinden. Ich halte es schwer aus, wenn Frauen von Männern separiert werden und ihnen eine je eigene, sehr verschiedene Rolle zugewiesen wird. In der Gemeinde, in der ich aufgewachsen bin, brauchte ich nur aufzustehen und ein paar Schritte zu gehen, schon war ich bei der Torah. Ich war es auch gewohnt, zur Aliyah aufgerufen zu werden und ehrfürchtig aus nächster Nähe die Sorgfalt zu bewundern, mit der die Buchstaben von Hand in die Torahrolle geschrieben worden waren. Nun saß ich drei Stockwerke über dem Geschehen und war mir bewusst, dass ich einen Aufruhr auslösen würde, wenn ich einfach nach unten gehen und die Torah liebevoll aus der Nähe betrachte würde. Das Gebetstempo war anders, die Sprache auch (der liberale Gottesdienst ist dreisprachig und niemand verwendet die aschkenasische Aussprache). Aber es war eine Synagoge. Ich fing an, Leute kennenzulernen und mich wohlzufühlen.

Als ich dann aber in einem Seminar bei den Gender Studies zufällig einen jüdischen Kollegen kennenlernte, der auch zu Or Chadasch ging, wagte ich vorsichtig wieder einen Schritt auf meine alte Gemeinde zu. Der alte Rabbiner ging, ein neuer Rabbiner kam. TaMaR Austria wurde gegründet. Es sind noch nicht alle Wunden verheilt und noch nicht alle Fragen geklärt. Aber es ist gut, wieder vorsichtig den Anker auswerfen zu können.

Wie ist es euch gegangen – habt ihr auch einmal Gemeinde gewechselt? Oder gab es eine längere Zeit, in der ihr in eure Stammgemeinde einfach nicht gehen wolltet? Ich freue mich über eure Kommentare und Antworten!

4 Kommentare zu „Wien, mein Stetele Wien – Teil I: Davnen“

    1. Dankeschön – ich freue mich immer, auf weitere Wienliebhaber_innen zu treffen! Mir ist aufgefallen, dass Stadtspaziergänge zum jüdischen Wien meistens historischen Inhalt oder Bezug hauptsächlich zur Schoah haben. Dem möchte ich eine heutige und persönliche Perspektive beigesellen.

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