Suche Steuerberatung, weiblich, jüdisch

Im Zuge der Gründung von Schmonzelach Un Tinef bin ich zusehends mit meiner Unwissenheit bezüglich Steuern und Finanzrecht in Berührung gekommen. Was ist eine Vorsteuer und wovon zieht man sie ab? Wie mache ich meine Einkommenssteuererklärung? Was kann ich von der Steuer absetzen, und was heißt das überhaupt, und ist jede Apothekenrechnung für den in der Schnupfensaison obligatorischen Nasenspray eine außergewöhnliche Belastung?

Mein Onkel hat mir schon einmal kräftig Angst eingejagt, als er meinte, ein Unternehmen zu gründen ohne eine Steuerberaterin zu haben sei fahrlässig. Ich dagegen habe mich bei der Wirtschaftskammer recht gut beraten gefühlt und gefunden, mein Unternehmchen ist klein genug, um keine riesigen monetären Katastrophen verursachen zu können. Mehr und mehr wuchs aber mein Wunsch nach einer Person, der ich vertrauen kann, die mich berät und für mich zuständig ist, und die mir beängstigende Tätigkeiten, bei denen ich richtig was versemmeln kann, vom Leib hält.

Seitdem bin ich auf der Suche nach der Einen. Dabei hat sich gezeigt, dass meine Ansprüche anders sind als bei den anderen Leuten in meiner Familie, die eine_n Steuerberater_in haben.

Zunächst einmal möchte ich zu einer Frau gehen. Geld und damit alles richtig zu machen sind schon an sich so beängstigende Themen, dass ich mir dann nicht auch noch Gedanken machen will, ob der Mann vor mir einer ist, mit dem ich allein in einem Raum sein kann. Hat der mir jetzt auf die Brüste geschaut? Wieso haben manche Männer diese grässliche Ich-beeindrucke-dich-jetzt-Pose, wo sie sich richtig breit auf einen Sessel lümmeln? Hat der mich grade wie ein dummes Blondchen behandelt oder hat er nur versucht, mir etwas passend zu meinem Wissensstand zu erklären? Nein, solche Fragen erspare ich mir lieber.

Die erste Steuerberaterin, die ich angeschrieben habe, hatte ein Honorar, dass mir schwummrig geworden ist.

Ein Steuerberater, den mir jemand empfohlen hat, war mir vom Foto her schon unsympathisch. Dennoch schreibe ich ihm eine Mail. Langsam gewöhne ich mich an das übliche Honorar von Steuerberater_innen.

Die zweite Steuerberaterin, bei der ich ein kostenloses Erstgespräch vereinbart habe, führt ihre Kanzlei mit ihrem Ehegatten. Als ein 2-Meter-Hüne, leicht jenseits seiner besten Jahre, auf mich zugeschritten kommt und mich mit einem Blinzeln seiner wässrigblauen Augen grüßt, überreiße ich, dass er die Beratung machen wird. Ich schlucke und folge ihm in den Besprechungsraum. Sein säbelbeiniger Gang flößt mir wieder etwas Vertrauen ein – rennen kann ich sicher immer noch schneller als er.

Das Gespräch fängt gut an. Er ist gar nicht drauf bedacht, mir die Vorteile und Leistungen seiner Kanzlei näherzubringen, sondern beantwortet mir gleich all die Fragen, die sich in den Wochen davor bei mir aufgestaut haben. Ich zeige ihm meine Grundaufzeichnungen und er findet sie in Ordnung. Als ich ihn bitte, meine Belege zu überprüfen, fällt sein Blick auf das Logo. „Schmonzelach und Tinef, das sind ja zwei ganz herrliche jüdische Wörter, jaja, das kenne ich ja, ich bin ja im zweiten Bezirk aufgewachsen.“

Ich verkrampfe mich. Angst kriecht meine Wirbelsäule hinauf.

„Darf ich annehmen, dass Sie mosaischen Glaubens sind?“

„Bitte?“ Es dauert etwas, bis ich mich erinnere. Mosaisch. Das stand auf meinem Volksschulzeugnis. Kommt von Moses. Heißt jüdisch.

„Ja, schon, aber ich finde das jetzt nicht so relevant. Wegen dieser Belege…“

„Aber man wird doch noch das Besondere herausstreichen dürfen!“

Er wartet eine unnatürlich lange Zeitspanne auf meine Zustimmung, die nicht kommt. Ich möchte lieber darüber reden, ob ich etwas Besonderes beachten muss, wenn ich in Deutschland Sachen verkaufe. Er aber nicht.

„Das ist schon was Besonderes, dass Sie hier bei mir sind!“, beharrt er.

Ich fange an mich zu sorgen, ob ich etwas falsch gemacht habe. Ist Schmonzelach Un Tinef ein zu kleiner Fisch für ihn? Hat er Angst, nicht genug an mir zu verdienen? „Wieso?“, frage ich, „Beraten Sie sonst eher Großunternehmen?“

Er lacht auf eine komische, unbeschreibliche Art. „Neinnein, aber die haben ja normal ihre eigenen Steuerberater!“

Mein Gesicht versteinert. „Die?“

„Na die Juden!“

Noch habe ich Hoffnung. Ist vielleicht sein bester Freund ein jüdischer Steuerberater und erzählt ihm immer von seinen Kund_innen Schlomit Goldblatt und Avrejml Feigenbaum? „Woher wissen Sie das?“

„Naja, zu mir kommen so wenige!“

„Ja aber sehen Sie, diese wenigen kommen zu Ihnen!“

„Das stimmt schon, aber wenn man sich anschaut, wie viele es gibt im zweiten Bezirk…“

Kann mir mal bitte jemand ein Speibsackerl geben? Also brauchen erstens alle jüdischen Leute einen Steuerberater, weil die haben ja Geld, und zweitens gibt es auf der Matzesinsel keinen außer ihm. Auf einmal erblicke ich aus dem Augenwinkel ein Kruzifix aus schwarzem Holz, das im Fenster lehnt. „Du katholische, arische Kartoffel“, fange ich in Gedanken an, als seine Sekretärin einen wichtigen Anruf durchstellt und der Steuerberater unser Gespräch beendet.

Mit einer Mischung aus Wut und Ohnmacht verlasse ich das Büro und fasse einen Entschluss: Ich suche mir eine jüdische Steuerberaterin. Anscheinend ist das das, was wir Jüd_innen machen. Und von einer jüdischen Steuerberaterin muss ich mir nicht so einen Scheiß anhören.

8 Kommentare zu „Suche Steuerberatung, weiblich, jüdisch“

  1. Als gelernte Kauffrau frage ich mich, ob du überhaupt einen Steuerberatungsmenschen brauchst. Die deutschen Grundregeln des Vorsteuerabzugs könnte ich die in einer halben Stunde erklären. Kennst du gelernte Kaufleute oder anderer Menschen, sie selbstständig sind? Hast du die schon mal gefragt?
    Hast du mal in der Bücherei nach aktuellen Büchern zur Existenzgründung geschaut?
    In Deutschland kann frau auch beim Finanzamt Fragen stellen, es gibt auch Existenzgründungsberatung, die nicht teuer ist. In Österreich kann ich mir Vergleichbares vorstellen, kenne mich aber nicht aus.

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    1. Vielen Dank für die Hinweise:-) Tatsächlich ist das mittlerweile der letzte Erkenntnisstand bei mir: Ich werde mich direkt beim Finanzamt beraten lassen. Die anderen selbständigen Menschen in meinem Umfeld haben alle einen Steuerberater. Aber es ist ja bis Jahresende noch mehr als genug Zeit, mich zu informieren, um alles richtig machen zu können.

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  2. Au Backe! Wie peinlich. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite bin ich leider nicht überrascht. Diesen verdeckten Antisemitismus – wie auch die übertünchte Ausländerfeindlichkeit – finde ich den schlimmsten. Dennoch, frohes Pessach-Fest, gutes Gelingen mit dem neugegründeten Kleinunternehmen und Frieden mit Ihnen und Ihrer Familie!

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  3. Mein Hirn ist manchmal langsam, auch weil es mit Anderem beschäftigt. In Deutschland gibt es teilweise Sonderregelungen für kleine Unternehmen bis max 17.500 EUR Jahresumsatz gibt , die Wege vereinfachen können. Ich vermute, in Österreich gibt es Ähnliches. Diese Regelungen sind dafür gedacht, neben einer Angestellten Tätigkeit auch selbstständig zu sein. In Deutschland betrifft das mitunter auch Arbeitsschutzangelegenheiten. Umsatz, Du wirst das wissen, ist was ganz anderes als die Einnahmen eines Jahres, ansonsten kannst du Suchmaschieen fragen.
    Was sich gut verkauft? Ich habe keinen Schimmer. Hast du mal dran gedacht auch „jüdische“ Regenbogenartikel, in dein wachsendendes Sortiment aufzunehmen? I

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    1. Vielen Dank für die Tips! Ja, in Österreich ist das auch so, das nennt sich „Kleinunternehmerregelung“. Ich bin Kleinunternehmerin, sowohl nach der Umsatzsteuer als auch geringfügig nach der Sozialversicherung. Österreich scheint sogar etwas großzügiger zu sein als Deutschland: Die Umsatzgrenze beträgt bei uns 30.000€.
      Was mir sehr geholfen hat, war der Hinweis, dass man aus Fehlern lernt…ich versuche meistens, sie von Anfang an zu vermeiden und bin dann niedergeschlagen, wenn ich doch einen Fehler mache. Aber tatsächlich sind sie eine Lernmöglichkeit.
      Danke auch für den Hinweis mit jüdischen Regenbogensachen! Für unsere Gemeinde habe ich geschaut, wo man so was kaufen kann (sie haben aber dann doch beschlossen, Sachen selber herstellen zu lassen für die Pride). Das ist eine sehr gute Idee, ich werde schauen, dass ich sie bei einem der nächsten Einkäufe umsetze.

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      1. Ich habe von Herzen gelacht, als ich deine letzten Kommentar las. Bin selbst nicht frei von perfektionistischen Anteilen, und habe einige Jahre gebraucht um mir zu erlauben, Fehler zu machen und zu akzeptieren. auch das gehört zum Leben.

        Wie ich auf jüdische Pride-Artikel komme hat freundschaftliche und familiäre Gründe. Ich war letztes Jahr mit zwei guten Freundinnen, die ein Paar sind, eine ist Jüdin, und meiner angeliebten Schwiegermutter (Ihr Mann war Jude.) in Israel. In Tel Aviv gab so ein üppiges Angebot an jüdischen Pride Artikeln, dass die Freundin kurz vor einem Kaufrausch war. weil es das hier nicht gibt. Unserer Gastgeberinnen waren ein Rabbinerinnenpaar mit Kindern. Natürlich waren wir am Sabbat auch in der queeren Synagoge, nicht gerade ein Tourimagnet für deutsche Gojim.

        In Norddeutschland sieht mensch ja selten Türen mit Mesuot an Türen. In Tel Aviv habe ich gelernt, auch die gibt es in Regenbogenfarben.
        Ich habe keinen Schimmer, wo frau sowas einkaufen kann. Hast du es mal mit Suchmaschinen aus Israel, den Niederlanden, Großbritannien oder den USA versucht? Oder mit dem Suchbegriffen „queer und Tel Aviv“?
        Synagoge bei

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