Wien, mein Stetele Wien – Teil 2: Essen einkaufen

Teil 2: Essen einkaufen

Im zweiten Teil unseres gemeinsamen Rundgangs durch mein persönliches Wien möchte ich euch ein paar jüdische Einkaufsmöglichkeiten für Lebensmittel näherbringen (denn Essen spielt eine wichtige Rolle bei uns, wie alle wissen, die diesen Blog öfter lesen!). Wer sich schon ein Wenig mit Kaschrut beschäftigt hat, weiß, dass wo sich eine frumme Kehille findet, koschere Geschäfte nicht weit sein können. Die Speisegebote der Torah sind noch recht simpel: Iss nur Vögel, die auf dieser Liste stehen. Iss nur Fisch, wenn er Schuppen und Flossen hat. Iss nur Fleisch, wenn es von einem wiederkäuenden Paarhufer stammt. Iss bloß kein Blut, Insekten sind igittigitt, und vermeide es, ein Ziegenjunges in der Milch seiner Mutter zu kochen.

Heutige Koscherleitfäden sind da weitaus umfangreicher, und so macht es durchaus Sinn, anstatt den ganzen Madrich auswendig zu lernen und jedes Jahr zu überprüfen, ob alles beim Alten geblieben ist oder Nestlé vielleicht doch diese böse E-Nummer wieder verwendet, einfach in einen koscheren Supermarkt zu gehen.

Disclaimer: Ich esse koscher nach der Torah. Der Rest ergibt sich größtenteils von selber, weil ich Vegetarierin bin, die Blutstropfen aus den Eiern raushole, mein Freund kein Fleisch nach Hause bringt und ich Essen großteils aus unverarbeiteten Lebensmitteln zubereite. Ich gehe nur in den koscheren Supermarkt, wenn ich Sachen für koscher lebende Gäste oder die israelliebenden Verwandten in Tschechien einkaufe, bestimmte jüdische Dinge brauche oder Sehnsucht nach Wissotzky’s zauberhaftem Zimttee habe.

Im zweiten Bezirk gibt es zwei koschere Supermärkte: Padani und Shefa. Auch vor ein paar Jahren gab es zwei: Padani und Kosherland. Aber als Shefa seine blitzenden, blinkenden, von Schokolade, Tees, Backwaren und allem Möglichen überquellenden Regale für den Wiener Markt geöffnet hat, war es mit Kosherland schnell vorbei.

Hood2Kosherland

Bei Shefa einzukaufen ist lustig. Besonders gerne schaue ich mir an, wie unterschiedlich die jüdischen Frauen sind, die dort einkaufen (natürlich kaufen auch jede Menge Männer bei Shefa ein, aber, verzeiht, sie interessieren mich nicht so). Von der jeanstragenden, lockenköpfigen Israeli über die Amerikanerin mit kunstvollem Kopftuch und Kinderwagen bis hin zur streng bescheitelten Russin, schick tsanua aber mit Turnschuhen, sind alle möglichen Formen jüdischer Weiblichkeit vertreten. Die jungen männlichen Kassiere stehen unter der Herrschaft einer majestätischen Dame, die an der Kassa fachfräulich abschätzt, wen sie in welcher Sprache anspricht: diese in Hebräisch, den in Russisch, diese wieder in Deutsch, aber mit Jiddischen Einsprengseln. Ich mit meinem „Madonnengesicht“ (eine Frau in Niederösterreich meinte mal, ich schaue aus wie Maria) kann schon froh sein, wenn man mir einmal Gut Schabbes wünscht.

Hood2Shefa

Eine näher zu unserer Wohnung gelegene Alternative ist Padani. Mit einer aggressiven Öffnungspolitik (Donnerstag Pre-Schabbes-Late-Night-Shopping bis 21 Uhr!) hat der etwas kleinere Supermarkt es geschafft, trotz Shefa zu bestehen. Drinnen sitzt meistens ein bärtiger, umfangreicher Mann, von dem ich schwören könnte, dass ich ihn zuletzt in einem Bildband über osteuropäischen Chassidismus gesehen habe. Er sieht griesgrämig aus, hat aber ein gütiges Herz, versinnbildlicht durch die zahllosen Zedaka-Büchsen beim Ausgang, durch die die Kundschaft daran erinnert wird, dass nicht nur sie sich satt essen will. Bei Padani habe ich meistens das Essen für die Sitzungen des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit gekauft.

Gegenüber von Padani befinden sich Prego, die koschere Pizzeria, und Prego, die koschere Bäckerei. Prego ist meine erste Wahl, wenn ich Challot kaufen gehe: Sie haben Barches in jeder Größe, mit Sesam oder Mohn, und vor allem auch in Vollkorn. Außerdem bieten sie ein stolzes Sortiment von Süßspeisen. Es hat lange gedauert, bis mich die Verkäuferin das erste Mal angelächelt hat. Ich frage mich immer, ob mich Leute wohl für eine Konvertitin halten, oder für eine Christin, die endlich auch mal authentische Challot essen will. Ich bin einfach nicht so angezogen wie die anderen, die dort einkaufen gehen, vielleicht bewege ich mich auch nicht so selbstsicher. Beim siebten „Git Schabbes!“ ist der Funke aber übergesprungen und sie hat zurückgelächelt. Bei meiner Mama war das ganz anders. Eines Tages kommt sie mich zum Tee besuchen und legt zwei wundervolle schokoladengefüllte Rugelach auf den Tisch. Als ich frage, wo sie die herhat, meint sie: „Die hat mir die Frau im Prego gratis gegeben! So ein nettes Geschäft, dort war ich heut zum ersten Mal.“ Tja. Meine Mama betritt ja auch den Laden wie eine Operndiva die Bühne, bestaunt mit ihren strahlenden Augen minutenlang die Süßwarentheke, wirft mit Ausrufen des Entzückens um sich und bekommt natürlich etwas zu ihren Challot dazu geschenkt.

Hood2Prego

Wenn meine Mama früher einmal nicht selber backen wollte, ist sie meistens zur Bäckerei Ohel in der Lilienbrunngasse gegangen. Dort bin ich eher selten. Als ich doch einmal dort war, herrschte eine ausgelassen fröhliche Atmosphäre und der Schmäh rannte schneller als ich ihm folgen konnte.

Hood2Ohel

2 Kommentare zu „Wien, mein Stetele Wien – Teil 2: Essen einkaufen“

  1. Prima, wenn es eine zu den eigenen Bedürfnissen passende Infrastruktur gibt. Wer hier Challot braucht muss backen. Manchmal eine Zeitfrage mit Nebenwirkungen: Ich kann es.

    Vor dreißig Jahren gehörte es zu meinem Job einmal pro Woche, in London koscher einzukaufen. Rein Kleidungsmäßig war ich da der bunte Hund was auch zu Fragen und Lästereien auf Jiddisch führte. Unvergessen die alte Dame, die mich eines Tages vor der Tür auf Deutsch ansprach, dank meines Akzents. Wir befreundeten uns, tranken danach jede Woche zusammen Tee , schrieben uns später auf Deutsch, waren beide in dieser Stadt geboren.

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