Das patriarchale Judentum?!?

Es ist jetzt schon etwas her, dass ich beruflich im interreligiösen Dialog aktiv war. Aber immer wieder muss ich an eine Situation denken, die mich damals unheimlich aufgeregt hat und die so bezeichnend dafür ist, wie Vorurteile das Miteinander prägen. Und auch, wie schwer es ist, dagegen anzugehen. Nicht einmal als deklarierte Dialogpartnerin kann man immer rechtzeitig wissen, dass man gerade mit der Brille eines Vorurteils wahrgenommen wird.

Eine Studierendengruppe eines interreligiösen Lehrgangs hatte ihren Besuch im Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit angekündigt. Sie wollten mehr über den christlich-jüdischen Dialog und die heutige jüdische Gemeinde in Wien erfahren. Unser jüdischer Vizepräsident sagte zu, sie zu empfangen und ihnen einiges zu erzählen. Wir vereinbarten unter uns, dass ich eine kurze Einführung zur christlich-jüdischen Zusammenarbeit in Wien geben und er anschließend den größeren Teil des Vormittags mit Einblicken in die jüdische Gemeinde bestreiten würde.

Nun ist es so: Der große Raum in meiner früheren Arbeitsstelle fasst halbwegs bequem 25 Hörer_innen. Unter sardinenbüchsenartigen Bedingungen gehen sogar bis zu 32 Leute hinein. Das mit dem Atmen und Bewegen ist dann natürlich schwierig, aber für manche Vorträge lohnt sich es sich, die stickige Luft und irritierend intime Beziehung zur Nachbarin auszuhalten.

Für Vortragende gibt es zwei weiße, hübsche, gut gepolsterte Fauteuils, die ich beide vorne aufstellte. Die Gruppe sollte so groß sein, dass ich entschied, nach meinem Input vorne sitzen zu bleiben. Es war mir lieber, den Vortrag unseres Vizepräsidenten neben ihm sitzend anzuhören, als mich in die eng gepackten Reihen erschöpfter, schwitzender Studierender zu zwängen.

Die angehenden interreligiösen Expert_innen trafen also ein, darunter auch eine Freundin von mir, die ich bei einer anderen Dialogveranstaltung kennengelernt hatte und die nun den Lehrgang besuchte. Während meiner Einleitung hörten die Studierenden interessiert zu, und der persönliche und informative Erzählstil unseres Vizepräsidenten regte eine muntere Diskussion an. Es war ein gelungener Freitagvormittag.

Aber später erzählte mir meine Freundin etwas, das eine ihrer Kolleginnen bei der Abschlussreflexion in der Gruppe gesagt hatte, und ich war schockiert. Dass der Vizepräsident und ich uns die Arbeit so aufgeteilt hatten, dass ich mich rasch in meinen bequemen Sessel zurücklehnen konnte, war komplett verkehrt aufgefasst worden. „Das war so typisch für das patriarchale Judentum“, hatte eine Studentin nachher gesagt, „Der Mann redet und die Frau schweigt und hört zu.“

Ich fragte mich, woher dieses Bild in ihrem Kopf kam. Mein Judentum meinte sie jedenfalls nicht damit. Sicher ist bei mir in der Familie auch eine besondere Situation, dass das Judentum in den Händen der Frauen liegt – einfach weil mein Großvater, Vater, Bruder und auch mein Freund nicht jüdisch sind. Wir haben da wirklich ein jüdisches Matriarchat. Und in meiner liberalen Gemeinde nehmen Frauen sowieso die gleiche Rolle ein wie Männer. Aber auch wer in die orthodoxe Synagoge geht, wird feststellen, dass die Frauen alles andere als ruhig sind. Wenn die Männer sich einbilden, dass sie die allein befähigten zur liturgischen Arbeit sind, gut, dann kann frau eben auf der Galerie tratschen. Selbst vehemente „Pscht!“s des Rabbiners werden würdevoll ignoriert.

Es war für mich besonders schrecklich, dass ich auf die Vorurteile dieser Studentin nicht mehr reagieren konnte, weil sie sie eben nicht vor mir geäußert hat. Aber wer weiß – wenn ich ihr gesagt hätte „Ich war froh, weniger vorbereiten zu müssen und bin aus Bequemlichkeit vorne sitzen geblieben“, hätte sie vielleicht mitleidig gelächelt und gedacht, ich hätte es mir im goldenen Käfig des Patriarchats gemütlich gemacht.

5 Kommentare zu „Das patriarchale Judentum?!?“

  1. Danke für diesen Text, der mich zum Denken angeregt.
    Auch ich bin nicht frei von Vorurteilen, versuche immer mich mit den Meinigen auseinander zu setzten. Manchmal gelingt es mir.Immer haben sie was mit mir zu tun.
    Mir ist klar, „das Judentum“ ĝibt es so wenig, wie „das Christentum“, „die Muslime“ oder „die Brillenträger“. Ich sehe Vielfalt überall.
    Doch gebe ich zu bedenken: Hier in Deutschland tut der Zentralratsvorsitzende oft, als spräche er für alle Juden. Mir ist klar, das stimmt nicht. Gibt es Ähnliches in Österreich?

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    1. Dankeschön:-)
      Das gibt es definitiv. Die Israelitische Kultusgemeinde beschwört häufig die sogenannte „Einheitsgemeinde“. Die liberale Gemeinde ist jedoch kein Teil der Kultusgemeinde, was hauptsächlich an zwei Dingen liegt: Den Maßstäben für Konversionen und der Anerkennung von Menschen, bei denen nur der Vater jüdisch ist, als jüdisch. Einmal hat der orthodoxe Gemeinderabbiner der IKG (deren Hauptsynagoge der Stadttempel in der Seitenstettengasse ist) in einem Zeitungsbeitrag sinngemäß geschrieben: „Das Judentum in Österreich ist sehr divers. Es gibt alles von ultraorthodox über Chabad bis Seitenstettengasse.“. Wann immer ein_e IKG-Funktionär_in die „Einheitsgemeinde“ lobt, wird das liberale Judentum schon von Anfang an nicht mitgedacht. Allerdings ist Or Chadasch als jüdischer Kulturverein auf der Website der IKG gelistet.

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  2. Liebe Sarah,
    zuerst einmal vielen Dank für deinen tollen Blog! Ich lese ihn echt gerne und finde immer wieder etwas, in dem ich mich wiedererkenne oder das mich nachdenken lässt.
    Könntest du dir vorstellen, für Schmonzelach Un Tinef auch einen Online-Shop zu eröffnen? Ich finde das so eine coole Idee und es besteht wirklich Bedarf an jüdischen Artikeln, nur leider habe ich nicht die Möglichkeit, nach Österreich zu einem Pop-up-Store zu kommen.
    Liebe Grüße 🙂

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    1. Hey, vielen Dank dir, es freut mich, dass dir der Blog gefällt! Mein Zeitplan für Schmonzelach Un Tinef schaut dieses Jahr ungefähr so aus: Großer Verkauf am Straßenfest am 16. Juni. Danach u.a. Erkundigungen einholen zu: rechtliche Bestimmungen Webshop, Anbieter Webshop, Möglichkeiten für Fotografie etc. Wenn ein Webshop machbar ist und ich mich gut genug auskenne, um mich damit nicht in einen Schlamassel zu reiten, werde ich loslegen:-) Ich habe die Hoffnung, schon früh im kommenden Jahr einen Webshop anbieten zu können, aber ich muss mir erst gründlich alles anschauen.

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  3. Mach die keinen Kopp, wegen der Fotos. Wenn Du nicht völlig talentfrei bist, kommst Du mit Handy oder digitaler Knipskiste sehr weit.
    Für einen Onlineshop, musst Du die Dateien eh verkleinern, sonst lädt die Seite ewig.
    Ich habe mal in einem Antiquariat gearbeitet, das seinen größten Umsatzanteil online macht. Daher kenne ich das.

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