Wien, mein Stetele Wien – Teil 3: Essen gehen

Ja, ich weiß. Schon wieder Essen.[1] Beim nächsten Stadtspaziergang schreibe ich über Wiener Stätten jüdischer Gelehrsamkeit, versprochen. Aber es gibt ja nicht nur das Essen, das man vom Supermarkt nach Hause schleppt, sondern auch das Essen, das bequem und gut, aber teuer ist. Der Himmel ist heute bewölkt – ideal, um sich in eines der schönen jüdischen Restaurants zu setzen, von denen ich euch erzählen werde.

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(c) Margot Hoffmann

Ganz in der Nähe unserer Wohnung befindet sich der Karmelitermarkt, und auf dem Karmelitermarkt gibt es ein kleines Lokal namens TEWA. Tewa, das heißt „Natur“ auf Hebräisch, und die Geschichte hinter dem Restaurant ist eine typische Migrationserzählung. Kurz zusammengefasst machte ein junger Israeli eine Ausbildung zum Zahntechniker, verließ Israel um eine besser bezahlte Arbeit zu finden und lernte in Wien, Biowaren zu verkaufen – und beim Arzt seine zukünftige Frau kennen. Ich mag das TEWA, weil es das richtige für jede Stimmung ist. Ob ein Mittagessen mit einer Freundin, ein geschäftliches Meeting oder ein Drink am Ende eines langen Tages (oder am Anfang einer langen Nacht) – das Lokal scheint sich mit der Situation mitzuverwandeln von gemütlich zu smart zu aufregend.

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(c) Bahur Tov

Geht man vom Karmelitermarkt auf die Taborstraße, gelangt man zum Bahur Tov, dem „guten Jungen“. Ich glaube einmal gelesen zu haben, dass das der Spitzname des Eigentümers ist. Im Bahur Tov gibt es koschere israelische und asiatische Küche, dazu jede Menge Fleisch in Spieß- und Rippchenform und eine große Weinauswahl. In diesem Restaurant fanden traditionell die Treffen des Vorstands des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit mit einem dem Verein verbundenen Bischof statt. Ob seines Hechscher und seiner breiten kulinarischen Auswahl ist es auch eine gute Empfehlung für Gäste, die ein paar Tage in Wien bleiben und sich koscher ernähren möchten.

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(c) Herold.at

Wer noch den dritten Teil der Kosher Big Three (Israelisch, Asiatisch, Italienisch) erleben will und weniger Wert auf Fleisch legt, wird beim Novellino fündig. Das milchig-koschere Restaurant bietet mediterrane vegetarische und Fischgerichte, viel Pasta, Pizza und Tiramisu. Natürlich auch eine Auswahl an Sushi, ein neuerlicher Beweis der florierenden Symbiose von jüdischer und asiatischer Kultur. Was können wir eigentlich zurückgeben? Könnte Kigel oder Lachsbagel der neue Renner in Wiens Chinarestaurants werden?

Die Kellnerinnen im Novellino sind komödiantische Talente, die mit jeder Situation umzugehen wissen. 2018 haben die muslimische Jugend Österreich und Café Abraham Wien ein Iftar-Essen dort veranstaltet. Ich war dabei und hatte über das sommerliche Wetter ganz auf Tsniut vergessen. Obwohl einige der (insbesondere weiblichen!) Gäste mich mit unleserlichen Blicken bedachten, machte niemand einen Aufstand wegen meiner Sandalen und nackten Waden.

Das Folgende ist ganz sicher nicht passiert: theoretisch hätten wir ein paar Datteln mitbringen können, um die muslimische Tradition des Fastenbrechens damit zu ehren. Dann hätte uns eine der Kellnerinnen damit gesehen und sie hätte gesagt: „Moment! Die sind nicht koscher! Ich gebe Ihnen schnell einen Sichtschutz, damit sich niemand aufregt.“ Sie hätte die Türe zugemacht und wir hätten in Ruhe und interreligiöser Harmonie unsere Datteln essen können. Aber, wie gesagt, das ist ganz sicher nicht passiert und es gab nie irgendetwas Treifenes, das die Pforte des Novellino passiert hat.

TelAvivBeach
Bild von: http://www.hostel.at/en/tag/tel-aviv-beach-bar/

Am Weg hinüber in den ersten Bezirk überquert man den Donaukanal. In der warmen Saison sind seine Ufer bevölkert mit Gastroständen. Einer davon ist Neni’s am sogenannten Tel Aviv Beach. Hier kann man schickes israelisches Essen genießen, während man die Beine aus dem Liegestuhl ragen lässt und mit den Zehen im Sand gräbt. Das Flair ist trotzdem weniger leger als vielmehr angespannt chic und ich frage mich oft, wieso der Tel Aviv Beach so viele auf fête blanche zurechtgemachte Goyim anzieht. Seit wann ist Israel cool? Ist Neni’s ein Statussymbol des Anti-Antisemitismus? Oder geht es darum, dass Geschäftsführerin Chaya Molcho vier attraktive Sprösslinge hat und die vielen langbeinigen Gazellen am Tel Aviv Beach auf Bräutigamschau sind? Emes, wenn es in Österreich jemals eine Serie vom Keeping-Up-With-The-Kardashians-Format geben sollte, wären die Molchos in der engsten Auswahl.

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(c) Falter

Ein kleines und sehr feines israelisches Lokal hat einen fixen Platz in meinem Herzen, seit ich dort Pita mit Avocado und Spiegelei gegessen habe: Hungry Guy. Der Name hat starkes Identifikationspotential – mein Freund macht sich immer lustig darüber, dass ich alle zwei bis drei Stunden etwas essen muss. Aber er hebt ja auch keine Gewichte. Anyway, das Hungry Guy hat eine charmante Ecklage Nähe Schwedenplatz. Wer neugierig, aber nicht observant ist, könnte zum Beispiel an einem Samstag den Gottesdienst im Stadttempel besuchen, dann zum Hungry Guy Mittagessen gehen und sich anschließend einen der tollen Filme im Cine Center anschauen – alles in Gehdistanz von unter drei Minuten.

Miznon
(c) Sarah Egger

Mehr israelisches Streetfood gibt es im Miznon gleich neben dem Stephansdom. Wer das Lokal betritt, glaubt, tatsächlich in Israel gelandet zu sein. Es gibt köstliches, leichtes, ausgefallenes Essen, zum Beispiel im Rohr zart gebackenen Karfiol im Ganzen, beträufelt mit Zitronensaft. Das letzte Mal war ich dort mit meiner Mama und meiner Oma – sehr zu ihrem Chagrin. „Es ist sehr – orientalisch“, konstatierte meine Großmutter, wobei sie „orientalisch“ in etwa so aussprach wie andere Leute „schade“ oder „leider“ sagen. Die Konversation litt etwas unter der lebhaften Bedienung. Wenn dein Essen fertig ist, wird dein Name nicht einfach nur fröhlich-sanft ausgerufen wie bei Starbucks, sondern über zischenden Dampf, prasselndes Öl und einen langgestreckten Grundriss hinweg durchs Lokal gebrüllt als wäre dein Mittagessen eine Übung der Israeli Defence Forces und der Koch dein Kommandant. Wir haben das Lokal ziemlich durchgearbeitet verlassen und waren uns einig: „Es ist schon ein Erlebnis.“

 

 

[1] Bei „Essen“ fällt mir ein: Mein Goyfriend und ich haben einen Injoke. Wenn ich fertig bin mit Kochen und das Essen auftrage, rufe ich ihn meistens mit einem durchdringenden „Essen!!!“. Er kommt aus seinem Zimmer und antwortet: „Düsseldorf!!!“. Dann sage ich: „Dortmund!!!“ und er: „Darmstadt!!!“, was auf komische Weise irgendwie zum Thema passt.

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