Gedankensplitter – The Perks of Being a Progressive Jew

Es ist mir sehr wichtig, kein Bashing in die Richtung irgendeiner jüdischen Gruppierung zu betreiben. Wir mögen die Dinge sehr unterschiedlich sehen, aber wir sind alle Am Jisrael und füreinander verantwortlich. Jede Strömung kann zur einen oder anderen Zeit dazu beitragen, dass das Judentum weiter bestehen bleibt. Dennoch gibt es Dinge, die ich am progressiven Judentum sehr liebe – sonst würde ich mich dort ja nicht verorten. Mein Lieblingsmoment, den ich nur in der liberalen Synagoge erleben kann, ist, zur Bimah aufgerufen zu werden und eine Alijah zu haben. Das Gefühl, so nahe bei der Torahrolle zu sein, sie berühren zu können, diese Repräsentation der Torah auf Erden, von Hand kopiert nach jahrtausendealter Tradition – es gibt nichts Vergleichbares. Die Bracha singen zu dürfen, stolz vor der ganzen Gemeinde, und sich zu freuen, eine Frau mit einer schönen, kräftigen, weiblichen Stimme und ganz bei der Torah zu sein.

Gedankensplitter: Was soll interreligiöse Zusammenarbeit sein?

Wenn mein Freund und ich zusammen das Bett überziehen oder Wäsche aufhängen, nennen wir das scherzhaft „christlich-jüdische Zusammenarbeit“. Das ist ein leichter Umgang mit einem nicht ganz so leichten Begriff. In diesem Semester darf ich gemeinsam mit einer wunderbaren praktischen Theologin ein Seminar an der Uni halten, bei dem es um die Grundlagen des trilateralen interreligiösen Dialogs geht. Eine Frage, die unsere Studierenden sehr bewegt hat und die sie unserem Gastreferenten letzte Woche gestellt haben, war: Durchs Reden kommen die Leut zam – und was dann? Also, was können Menschen unterschiedlicher Religionen miteinander tun? Ab wann ist etwas interreligiöser Dialog? Ich bin beispielsweise mit einer muslimischen Freundin einmal die Woche laufen gegangen. Dabei haben wir wortwörtlich über Gott und die Welt (und das Jenseits, das ihr ganz wichtig ist) geredet. Ist Laufen gehen an sich schon interreligiöse Zusammenarbeit? Oder erst das Reden über unsere Religionen? Mich interessiert eure Meinung dazu sehr. Hinterlasst mir doch einen Kommentar und diskutiert die Frage mit euren Freund_innen!

Gedankensplitter: Religionen kann man nicht kennen lernen, indem man nur ihre Heiligen Schriften liest

Letztens hatte ich eine christlich-jüdische Sitzung, bei der wir für ein Projekt versucht haben, die wichtigsten Ideen des Christentums zusammenzusammeln. Alle hatten schon Ideen vorbereitet und wir haben versucht, aus ihnen Kategorien zu bilden. Auf einmal habe ich gemerkt, dass meine Ideen alle aus dem Neuen Testament stammten. Es gab aber letztendlich dreizehn Kategorien, von denen das Neue Testament nur eine war. Ich wusste schon davor irgendwie, dass die Grundlagentexte einer Religion nicht das Gesamtbild dessen ausmachen, wie diese Religion gelebt wird. Christ_innen sehen häufig das Judentum als eine im Alten Testament beschriebene Religion – bis sie Jüd_innen kennenlernen und merken, dass wir keine Sandalen tragen, quicklebendig sind und zum Jüdischsein viel mehr dazugehört als der Tanach. Aber die Erkenntnis hat mich in diesem Moment voll erfasst. Ich lebe in einer christlichen Gesellschaft, bin mit einem Katholiken zusammen und trotzdem ist mein erster Reflex, wenn ich die Summe des Christentums beschreiben soll, mich ausschließlich an dessen Heiliger Schrift zu orientieren und nicht einen Moment lang an die zweitausend Jahre lebendiger Praxis zu denken, die darauf gefolgt sind.